Josef Moos, München

Stock im Eisen - eine Tradition Lebt wieder auf !

Früher fand man sie in vielen Städten, bevorzugt in Südosteuropa, die Nagelbäume, an denen sich durchreisende Schmiede mit einem eingeschlagenen Nagel verewigten. Sie waren ein Medium der Mitteilung und zugleich ein altes Rechtssymbol.Wenn sich heute Schmiede treffen, so in Cloppenburg zu ihrem 4. Weltkongress, lassen sie die Tradition des Baumbenageln wieder aufleben und damit einen alten Handwerksbrauch. Dieser Beitrag liefert Hintergrundinformation, sowohl zum Brauch des Benagelns als auch zum Baum als Rechtssymbol.

Ursprünglich war geplant, zum Schmiedekongress in Cloppenburg einen mächtigen eisernen Weltenbaum für die EXPO zu schmieden, der den Schmieden aus aller Welt ein Identifikationssybmolhätte sein können - ähnlich wie der Eifelturm in Paris den Stahlbauern - seit der Weltausstellung 1889. Leider ließ sich das Vorhaben nicht realisieren, doch das solll den Nagelbaum in Cloppenburg nicht schmälern, mit ihm lebt eine Tradition wieder auf, die einmal typisch war für das an Symbolen reiche Schmiedehandwerk. Aber nicht die Schmiede haben das Benageln "erfunden" es steckt viel mehr dahinter, ein "Stock in Eisen" ist ein Symbol unserer Rechts-, Volks- und Handwerkskultur. In ihm verdichten sich den Mythen historische Begebenheiten, Brauchtum, praktischer Nutzen - aber auch Wunschdenken und purer Aberglaube.

Vom Wiener "Stock im Eisen" dem altesten Nagelbaum, weiß man, er wurde um 1440 gefällt, besitzt neben den sichtbaren Nägeln weitere in seinem Inneren, ist also im wahrsten Sinn des Wortes "eisern" geworden, und ist nachweisbar an seinem jetzigen Standort seit 1533. Zur eigentlichen Funktion eiens Nagelbaumes, speziell des Wiener "Stock im Eisen" gibt es zahlreiche Geschichten, wahre und erfundene, glaubhafte und eher unwahrscheinliche. Fakt ist, der Bezirk um den jetzigen "Stock-im-Eisen-Platz" war schon um 1300 besiedelt, von Schlossern, Schmieden, Zinngießern, Eisenkramern und anderen, die mit Metall zu tun hatten - ganz im Sinn der starren Wohnviertelzuweisung einer mittelalterlichen Stadt, so lebte im Haus Nr. 89 am heutigen "Stock-im-Eisen-Platz" im Jahr 1379 ein Schlosser namens Keck. Im Jahr 1575 erhielt der Baumstock vom Wiener Schlosser Hans Puettinger den eisernen Ring mit Schloß - er sollte später Anlaß für wilde Spekulationenliefern - ebenso wie die fünf Eisenbänder über der Axtkerbe.

Zuerst die schöne Geschichte, dann die Wahrheit! Schlosser und Schmiede können es nicht gewesen sein, denn das Benageln von Bäumen durch Wandergesellen entstand erst im 18. Jahrhundert, in einer Zeit, in der sich ein beständiger Strom von Handwerksgesellen aus den deutschen Kernlanden aufmachte: die einen nach Amerika, die anderen nach Osten, quer durch die Donaumonarchie bis an ihren östlichen Rand. Und manche blieben auf der Walz hängen, oft war eine Meistertochter Anlaß für das Seßhaftwerden, wie das auch heute noch vorkommen soll.

Was war das besondere an diesem Nagelbuch und warum übten ihn gerade die Schmiede und Schlosser aus? Die Sozialgeschichte des Handwerks kann das antworten: In der "guten alten Zeit", waren die Menschen arm, sie hatten selten Bargeld, nur ihre Arbeitskraft. Der goldene Ring, den sich Handwerksgesellen zu beginn der Wanderschaft ins Ohr kniffen, mußte die Beerdigunskosten decken, sollten sie unterwegs zu Tode kommen. Einige Nägel waren oft das einzige was sie an Wertsachen besaßen. Das war so übel nicht, denn Eisen war noch vor 200 Jahren wertvoll und teuer, wer einige Nägel sein eigen nennen konnte, der hatte Notgroschen und anhand der Nägelköpfe war auch der Besitzer zu ermitteln.

Was bedeutete der eingeschlagene Nagel? Er bedeutete:"Ich war da - ich lebe noch - und ich konnte einen Nagel entbehren - es geht mir also gut". So nagelten sich Handwerker quer durch die Donaumonarchie und heute noch existierenden Bäume geben uns Kunde von ihrer Wanderschaft. Waidhofen an der Ybbs, Wien , Bratislava, Budapest, Temesvar, Lemberg in all diesen Städten stehen heute noch Nagelbäume. Sie waren von den Menschen geachtet und respektiert, trugen eine Botschaft und gaben sie ohne besonderen Aufwand weiter, und wenn ein Wandergeselle den Nagel eines Freundes erkannte, wurde der Baum zum Träger einer guten Botschaft, ein Zeichen, das Spurensuche zuließ, das beruhigte.

Um diese frühen Anschlagtafeln der Wandergesellen von Diebstahl, Mißbrauch oder sonstigen Frevel zu schützen, sicherte man sie oft mit Ketten, Ringen oder mit Schlössern und belegte diese Sicherungen zusätzlich mit Sagen, die großes Unheil dem androhten, der es wagen sollte, die Diebstahlsicherungen zu entfernen. So ist zum Wiener "Stock im Eisen" überliefert, dass der Teufel selbst das Band mit einem so wunderlichem Schloß sicherte,dass niemand einen Schlüssel dazu machen könne. Sollte es aber jemandem doch gelingen, so werde er zum Lohn Schlosser zu Wien, bei Umgang aller Zunftregeln ein zu damaligen Zeiten nicht einlösbares Versprechen. Der Sage nach gelang es einem Gesellen zwar das Schloß zu öffnen, als er aber vor Freude den Schlüssel in die Höhe warf, verblieb dieser im Himmel und der Traum von der Meisterlehre war ausgeträumt. Ähnliche Geschichten kennt man auch von religiösen Kultgegenstände, die bekanntesten dürfte die von Bonifatius sein: er fällte die Heilige Linde der Germanen und kam zu Tode.

Aber - das Benageln durch Handwerksgesellen wurden erst im 18 Jahrhundert üblich - es fehlen uns gut 300 Jahre zwischen dem Aufstellen des Wiener "Stock im Eisen" und seinem erstem Benageln. Um das zu klären müssen wir in der Geschichte weit zurückgreifen, nach Mesopotamien, die erste Hochkultur an Euphart und Tigris. Schon dort war es üblich, Bäume zu beschlagen, der Grund liegt allerdings im Dunkeln. Es Könnte ein Schamanenkult gewesen sein, vorstellbar, denn Schmiede und Schamanen, das waren oft die selben Personen. Es könnten aber auch geschmiedete Lanzenspitzen gewesen sein, die man, um sie zu härten, in harzreiche Bäume trieb.

Mag sein dass die Nägel in Bäumen ein Talisman waren um weites Meteoreisen "anzuziehen" denn es war das einzige Eisen, das damals in größeren Menge zur Verfügung stand. Fiel es vom Himmel, so konnte man das der positiven Wirkung des Nagels zuschreiben, der Nagelbaum wurde so zum Glücksbringer, zum Talisman. In Bäume eingeschlagene Nägel sollen dem einfachen Volk als Kalender dedient haben - die Liste möglichen Brauchtums ließe sich noch verlängern. Am wahrscheinlichsten ist die These vom Härten des Eisen im harzreichen Holz, ein Prozess, der sich über Monate hinzieht. Und zum Schutz der Nägel vor Diebstahl erfand man wohl hier schon Sagen vom Pakt mit Göttern und anderen überirdischen Mächten - wie später in Wien dem Teufel.

Warum hat sich aber das Baumbenageln so lange erhalten? Die Volkskunde lehrt uns: das Einkerben oder Einschlagen eines Nagels war in "schriftlosen" Gesellschaften ein Rechtszeichen, wie ein Grenzstein. Der Rechtsetzende erkennt damit die mit einem bestimmten Baum verbundene Rechtstitel förmlich an. Das unterscheidet das germanische vom römischen Recht. Römisches Recht war geschrieben, in Sprache und Schrift festgehalten, germanisches Recht war an Zeichen gebunden, an Steine, an den Baum, der den Mittelpunkt eines Ortes markierte. Und genau diese Funktion erklärt die erste Benagelungsphase des "Stock im Eisen" in Wien - noch zu einer Zeit, als er noch ein lebender Baum war. Er wird ein Symbol für die speziellen Rechte der Handwerker in diesem Viertel gewesen sein. Als er um 1440 gefällt wurde, vielleicht sollte er als Pranger dienen, schlug man weiter regelmäßig Kerben ein und respektierte damit die Rechte der Handwerker in seinem Umkreis.

Und - Bäume in Siedlungen waren den Menschen ein Sakrileg, die boten Schutz, hier versammelte man sich, saß zu Gericht, schlichtete Streit. Bäume versorgten die Menschen mit Früchten, das Laub diente als Einstreu, und zur Not konnte man sich bei Gefahr auf den Baum flüchten. So ist es vorstellbar,dass eingeschlagene Nägel,auch die Schutzfunktion des Baumes stärken sollten, ähnlich den Nägeln, die man schon in romanischer Zeit in Holztüren schlug. Man "wehrte" sich mit Eisen, das Baumbenageln war nicht nur Rechtsakt, mit dem dei Obrigkeit Rechtsbereiche markierte und respektierte, es entwickelte sich zum Glücksbringer und Erinnerungszeichen zugleich. In alten Kinderspielen ist davon noch etwas erhalten: so ist beim Versteckspielen der befreit, der sich am Baum freischlagen vermag.

Der Baum war auch Asylort, er war beseelt und Träger geheimnisvoller Kräfte, an denen man durch Berührung, durch Einritzen von Kerben etc.teilhaben konnte. In seiner Krone wohnten Götter,die zu ertürnen gefährlich war. Ein Baum erneuert sich jährlich, das war den Menschen früher kaum erklärlich und vielleicht wollten sie teilhaben an dieser Erneuerungfähigkeit. War nicht dem Menschen eine lange Erinnerung gewiß, dem es gelang, sich in einem Baum zu verewigen? Da Bäume nicht gefällt werden durften, vertraute man sich ihnen an, sie wurden zu Trägern Botschaften. Noch heute ritzen Verliebte ihre ihre Untrennbarkeit in Bäume, auch wenn sie ahnen, dass daraus keine Partnerschaft fürs Leben, sondern höchstens Lebensabschnittpartnerschaften werden. Hätten wir heute Kunde von einem Joseph Tuscher, der sich 1835 im Wiener "Stock im Eisen" verewigte, von Michael Tescherketz oder von M.N. der seinen Nagel 1776 einschlug? sicherlich nicht.

Doch wie kamen die Schlosser und Schmiede im späten 18. Jahrhundert dazu, eben die besondere Bäume, allerorts "Stock im Eisen" gennnt, zu beschlagen? Die Erklärung ist einfacher als man glaubt. Damals setzte in Europa ein großes Interesse an historischen Gegenständen ein, die Menschen begannen, sich für ihre Geschichte zu interessieren, Europa war in Aufruhr geraten, alte Symbole verloren ihre Unantastbarkeit, so auch der "Stock im Eisen". Man begann das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, hier die Nachricht mit dem Wunsch der bleibenden Erinnerung. Die ältesten Gegenstände dieser zweiten Benagelungsperiode sind eben keine Nägel, sondern mit Nägeln befestigte Plättchen, kleine Namensschilder und Münzen und erst zum Ende des 18. Jahrhunderts kamen die Nägel der Schmiede und Schlosser dazu.

Noch ein Wort zu den Nagelköpfen. Ihre kunstvolle Gestaltung läßt sich bis in das alte Mesopotamien zurückführen. Der älteste bekannte Nagelkopf stammt aus dem Jahr 2600 vor Christus und hat die Gestalt eines menschlichen Oberkörpers, der unten in einen langen schlanken Nagel übergeht. Bekannt sind auch Nägel mit behörnten Köpfen, mit Fratzen und Schlangenköpfen. Da ein Nagel Dinge fixiert und zusammenhält ist ihm ein langes Wirken gewiß, und damit auch der Ehrfurcht durch nachfolgende Generationen. Der Herrscher, der ein Bauwerk errichten und mit Nägeln "zusammenhalten" läßt, überdauert mit ihnen die Zeitläufte. So ließen sich römische Kaiser auf Nagelköpfen ebenso verewigen wie indische Potentaten. Dass die Schlosser fortan Bäume zu benageln begannen und dieser Brauch sich besonders in der Donaumonarchie rasch verbreitete hat sicher rein praktische Gründe, denn die Handwerksgesellen wußten natürlich eines ganz genau: das einfache Volk achtete die Nagelbäume noch immer als Rechtssymbol. Also konnten sie sicher sein, der eingeschlagene Nagel bleibt, er wird nicht gestohlen, die Nachricht überdauert die Zeiten. Und gegen die allerorts vorhandenen Spitzbuben galt ja noch die "alte" tabuisierte Sicherheitseinrichtung durch Bänder und ein Schloß, für die sich die Wiener Schlosser und der Volksmund die Mär vom Teufel und den armen Schlosserbuben zurechtlegten. Weil`s halt gar so schön wär.

Doch abschließend gilt es noch Ernstes zu berichten - über Nägel, über Holz und benagelte Bäume. So gibt es in Deutschland völlig eigenständige Nagelbräuche. So war es nach dem I. Weltkrieg in einigen deutschen Landstrichen üblich, zum Gedenken an Kriegsgefangene und Vermißte Nägel in Stämme zu schlagen, sie so im Gedächtnis zu bewahren und sie als "unter den Lebenden weilend" zu betrachten. Zu Kriegszeiten war es in Deutschland zuweilen üblich, Eisenschmuck und kunstvoll geschmiedete Nägel den Frauen zu geben, die ihren Gold- und Silberschmuck für Kriegszwecke ablieferten: "Gold gab ich für Eisen". Und von Bauern ist bekannt, dass sie einen Nagel in den Türstock schlugen, wenn der Sohn in Unfrieden das Haus verließ, und ihn wieder herauszogen, wenn er heimkehrte. Die "Wunde" war geheilt, doch eine Kerbe blieb. Das Christentum hat dafür gesorgt, dass der Nagel bei den Menschen negativ besetzt war, mit Nägeln wurde Christus ans Kreuz geschlagen, der Sarg mit einem Verstorbenen wird nicht verschraubt, sondern demonstrativ zugenagelt. Ein Sargnagel war ein tabuisierter Gegenstand, daraus Geschmiedetes brachte Unglück oder diente dem Hexenzauber und jeder, der mit Nägel zu tun hatte, war gering geachtet, der Nagelschmied ebenso wie der Eisenkramer. Wer seine Nägel, seine "eiserne Ration", auf der Wanderschaft los werden konnte, dem ging´s doch gut, denn er bedurfte ihrer nicht mehr.

Es ist dem Weltenbaum in Cloppenburg zu wünschen, dass er die Zeitläufte überdauert, sehen wir ihn ihm also nicht nur die Anschlagtafel, sondern einen Lebensbaum, ein Symbol für die Zukunft, was immer sie uns bringen mag.